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Wed.
28.
Oct.
2020

Atem der Statuen

Reaktor
Geblergasse 40, 1170 Wien
October, 28.10.2020, 19:30 Uhr

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Rückschau 2017-2020

Widmungen, zwei Streichquartette, ein Konzert


Gleich zu Beginn: Das große kompositorische Projekt, das ich am Ende meiner letzten Rückschau plante, ist noch nicht begonnen. Für ein Musiktheater fehlt mir noch die inspirierende Idee, ich bin bisher auch keinem Librettisten oder Dramaturgen begegnet, der mich begleitet hätte. Eine solche unterstützende Begleitung stelle ich mir unerlässlich vor - außer man ist eine literarisch-musikalische Doppelbegabung, die selbst ein Libretto schreibt oder eine theatralische Vision hat. Aber eine solche bin ich nicht und ich warte daher auf eine solche Begegnung. An Geduld fehlt es mir (noch) nicht.

Das umfangreichste Werk der vergangenen Periode ist ein Konzert für Violine und Ensemble. Es ist im Sommer 2019 entstanden. Es war ein großes Vergnügen, wieder einmal – seit langem – in der orchestralen Farbpalette imaginieren, denken und komponieren zu können. Leider hat sich die Möglichkeit einer (Ur)Aufführung zerschlagen, ich bin noch auf der Suche nach passenden Ensembles. 

Kleine Widmungswerke waren ein Schwerpunkt der neuesten Schaffenszeit. Drei dieser Stücke waren Geburtstagsstücke: Nachtviolen (2018) für Cello solo habe ich auf Anregung von Thomas Krennert, Gitarrist und Meteorologe, zum Geburtstag seiner Frau Andrea verfasst. Andrea, ebenso Gitarristin, ist eine Anfängerin auf dem Cello und so war es meine Aufgabe, ein einfaches Stück zu schreiben, da die Instrumentalistin noch keine virtuosen Fertigkeiten besitzt. Aber dennoch sollte es ein musikalisch nicht belangloses Werk werden, immerhin ist die Widmungsträgerin auf einem anderen Instrument voll ausgebildet und hat daher ein hohes musikalisches Niveau. Jean Paul hat mich zu diesem Stück inspiriert – mit einem Textausschnitt, der auch als feiner Geburtstagswunsch gelesen werden kann: „es gehe dir nie anders als wohl und die kleine Frühlingsnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell – der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir – Nachtviolen unter dir – einige Nachtgedanken in dir – und nicht mehr Gewölk als zu einem schönen Abendroth vonnöthen ist, und nicht mehr Regen als etwan ein Regenbogen im Mondschein braucht!“                                              Dieser Text gefällt mir ausnehmend gut, vielleicht werde ich ihn noch einmal für ein anderes Stück verwenden.

Das zweite Geburtstagstück galt einer Institution: Zum zwanzigjährigen Bestehen der Konzertreihe „Musik in der Pforte“ komponierte ich im Jahr 2018 Happy Anniversary! für Streichquartett. Es ist wieder für meinen musikalischen Weggefährten Klaus Christa, über den ich in der letzten Rückschau ausführlich geschrieben habe, entstanden. Einige seiner Studierenden haben das Werk uraufgeführt und auch in ein Wettbewerbsprogramm aufgenommen: wiederum ein schöner Berührungspunkt mit Musikpädagogik auf hohem Niveau.

Das dritte und letzte Geburtstagstück habe ich für zwei Komponistenkollegen verfasst: Schafe im Schnee – 50 Takte zu den Geburtstagen von Norbert Sterk und Thomas Heinisch (2019) zum 50. Geburtstag der beiden Jahrgangskollegen. Das Werk ist für Flöte, Klarinette, Violine und Cello gesetzt. Uraufgeführt haben es Musiker*innen des ensemble reconsil unter der Leitung von Roland Freisitzer. In diesem für die neue Musik sehr verdienstvollen Klangkörper fungieren die beiden Kollegen (und vorzüglichen Komponisten!) seit Jahren im Vorstand. 

Eine weitere Widmung galt dem langjährigen Programmchef der Alten Schmiede, Herrn Dr. Karlheinz Roschitz. Für ein Konzert anlässlich seiner Pensionierung trug die Pianistin Kaori Nishii eine Reihe von großteils Uraufführungen vor, die alle dem scheidenden Kurator zugeeignet waren. Ich steuerte für dieses Abschiedskonzert Talisman (2019) bei. Über die Bedeutung der Alten Schmiede für meinen kompositorischen Weg habe ich bereits in der letzten Rückschau berichtet, die Verdienste von Dr. Roschitz um diese Institution wurden mit diesem Konzert und den Originalbeiträgen vieler Komponisten und Komponistinnen gewürdigt.

I. E. (...fond memories...) für Violine und Violoncello (2019) ist dem Andenken meines Lehrers Iván Eröd gewidmet, der in diesem Jahr – leider – verstorben ist. Iván war ein großartiger Musiker, Komponist und Lehrer und vor allem ein wunderbarer Mensch. Ich darf mich glücklich schätzen, sein Schüler gewesen zu sein. Mein Streicherduo war ein Beitrag für ein Gedenkkonzert, welches das Trio Frühstück in der Alten Schmiede gestaltet hat. Der Titel ist eine Referenz an Eröds Schnappschüsse op. 52.

Neben dem oben erwähnten Happy Anniversary! Sind noch zwei größere Stücke für dieselbe Besetzung entstanden, das Dritte (2018) und das Vierte Streichquartett (2020). Zur Uraufführung des Dritten Streichquartetts hat Robert Wildling einen Einführungstext verfasst, der auf dieser homepage nachgelesen werden kann. - Das vierte Streichquartett ist mein derzeit jüngstes Werk: Das einsätzige Stück (Dauer: ca. 13 Minuten) harrt noch der Uraufführung. Der Facettenreichtum dieser traditionsreichen Besetzung in Bezug auf Dynamik, Klangfarbe und Artikulation und die unerschöpflichen Kombinationen, die sich daraus ergeben, haben mich dazu angeregt, bald nach der Aufführung des dritten Quartetts noch eines „nachzulegen“. Ich werde mich um eine Aufführung bemühen, im Weiteren wäre es mein Traum, einmal alle vier Quartette in einem Konzert präsentieren zu können.

Und noch einmal „Musik in der Pforte“: Das Streichtrio mit Rezitation Botschaften eines Reisenden – in memoriam Günter Funke (2017) stellt Textfragmente eines Gespräches zwischen Klaus Christa und dem Psychotherapeuten Günter Funke in den Mittelpunkt. Günter Funke, ein guter Freund von Klaus, hinterließ mit diesem Gespräch eine Art Vermächtnis, und Klaus bat mich, diesen Text zu vertonen, er ließ mir dabei alle erdenklichen Freiheiten. Ich wählte einige charakteristische und auch breiter verständliche Passagen des Textes aus und übertrug diese einem Sprecher oder einer Sprecherin. Da ich möglichst wenig in den Text eingreifen wollte, habe ich mich für eine gesprochen Version entschieden. Eine gesungene Darbietung ist ja ein wesentlich stärkerer Eingriff. Die drei Streicher begleiten den Text behutsam, füllen Pausen und Zwischenräume und sorgen für eine atmosphärische Grundierung. Ich danke 

Klaus für sein Vertrauen, es ist nicht selbstverständlich, dass er diese Aufzeichnungen an mich weitergegeben hat. Ich hoffe, dass ich eine sensible und charakteristische Auswahl getroffen habe und eine Musik komponiert habe, die den Text adäquat begleitet.

Im selben Jahr, 2017, ist auch ein Stück für Flöte solo entstanden: "Begin at the beginning," the king said, very gravely, "and go on till you come to the end: then stop." Das titelgebende Zitat stammt aus Alice im Wunderland von Lewis Carroll. Es zeichnet nach, wie das Stück entstanden ist: es ist linear - von vorne bis zum Schluss - komponiert, sehr rasch und zügig, gleichsam al fresco. Eine Art Tagebuch: Eine Woche habe ich daran gearbeitet, jeden Tag ein Stück. Auch dieses Stück harrt noch der Uraufführung, es ist als Gelegenheitswerk ohne konkreten Auftrag entstanden.

Im Juni 2020 wäre die Uraufführung des Quartetts Luftgeister (2020) für 2 Flöten, Klavier und Schlagwerk geplant gewesen, leider ist die Aufführung dem Corona-Lockdown zum Ofer gefallen. Ich traf die Flötistin Sylvie Lacroix seit langer Zeit in einem Konzert wieder, in der Folge dieser Wiederbegegnung bat sie mich um ein Stück für diese sehr spezielle Besetzung. Ich komponierte eine Neufassung des gleichnamigen Stückes aus dem Jahr 2013 (für 2 Flöten und Harfe), dessen Uraufführung auch damals leider nicht stattfinden konnte. Die Neufassung umfasst Erweiterungen in Form einiger aleatorischer Passagen, Neuinstrumentierungen und zeitlicher Dehnungen einiger Abschnitte der Vorlage. Diese Dehnungen waren möglich, weil das erweiterte Instrumentarium neue farbliche und kombinatorische Möglichkeiten eröffnete. Eine Verschiebung des ausgefallenen Konzerts in den Jänner 2021 ist angedacht – natürlich wäre es für mich eine große Freude, das Werk in klingender Gestalt zu erleben.