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CDRI (Central House of Artists)
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October, 17.10.2019, 20:00 Uhr

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Rückschau 2002–2005

Versionen


Seit meiner letzten Rückschau (2002) sind einige Werke entstanden, die mit anderen im Zusammenhang stehen, sei es vom musikalischen Material oder von der Idee her.

Auf diese Weise entstehen aus einem Material oder einer Idee mehrere Stücke, die verschiedenen (einfachen) Umformungs- und (komplexeren) Erweiterungsmöglichkeiten werde ich weiter unten noch darlegen.

Vorerst aber möchte ich den Hintergrund für diese Vorgangsweise erläutern.

Der erste Grund ist ein sehr profaner: Ich habe in den letzten 3 Jahren sehr viele Anfragen und Aufträge für Werke bekommen, und - da ich noch andere berufliche Verpflichtungen habe - ist es mir zeitlich nicht möglich, jedesmal ein von Grund auf neues Werk zu konzipieren und auszuarbeiten. Damit meine ich auch die Arbeitszeit, die das Fertigstellen eines Werkes benötigt, vor allem aber den Mangel an jener freien (im Sinne von unbelasteter, nicht abgelenkter) Zeit, die nötig ist, einer musikalischen Idee nachzugehen und sich in sie zu vertiefen.

Der zweite Grund ist wesentlich interessanter, weil er mit dem Komponieren selbst zu tun hat.

Es ist für mich in letzter Zeit immer klarer geworden, dass ein musikalisches Konzept zumeist mehrere Möglichkeiten der Realisierung beinhaltet, etwa so, wie eine Gedankenstruktur sich in mehreren sprachlichen Äusserungen manifestieren kann. Dass diese Manifestationen nicht gleich sind, liegt auf der Hand: Die eine Ausarbeitung kann einige Aspekte der Grundidee betonen und andere vernachlässigen, eine zweite wieder andere in den Vordergrund rücken, usw.

Dieser Zugang zum Verhältnis von Konzept und Ausarbeitung hat für mich neue, faszinierende Perspektiven eröffnet.

Bei Quaoar (2003) war die Grundidee, ein kurzes Stück für ein Melodieinstrument und Klavier zu schreiben, die Klangfarbe des Melodieinstrumentes war mir allerdings noch nicht genau präsent, lediglich die Vorstellung einer hohen Lage und eines schwebenden Charakters war gegeben. Diese Unschlüssigkeit führte zu zwei Versionen des Stückes, eine für Violine (mit Dämpfer), und eine für Bassklarinette (im hohen Register). Diese zwei Versionen betonen jeweils einen Aspekt meiner klanglichen Vorstellung, ohne dass die anderen gänzlich verschwinden, sondern mitschwingen können.

Die Fassung für Bratsche und Klavier ist eine einfache Transposition der Violinfassung, der Charakter des Stückes macht eine solche Umformung (unter Berücksichtigung einer leicht abgedunkelten Klangfarbe) ohne weiteres möglich.

Das Konzert für Klavier und Orchester (2001, auf CD veröffentlicht, siehe auch dazu die Rubrik

Über die Musik/CDs war ein Auftrag der Pianistin Sigrid Trummer. Es handelt sich um eine Fortführung des Klavierstückes Indian Summer (1999), welches ebenso für Sigrid Trummer komponiert wurde (siehe auch dazu die Rubrik Über die Musik/CDs.

Fortführung bedeutet hier, dass das Orchester das vom Klavier vorgegebene Tonmaterial durch Vertiefung und Ergänzung weiterspinnt. Ein Cluster beispielsweise kann von einer Instrumentengruppe im Orchester im Bezug auf Tonhöhen (durch Einbeziehung von Vierteltönen) oder rhythmischer Binnenstruktur (wenn jeder Einzelton eine eigene rhythmische Pulsation hat) sehr viel differenzierter dargestellt werden als auf dem Klavier.

Ein weiteres Beispiel für eine orchestrale Ergänzung und Vertiefung der pianistischen Möglichkeiten ist die Tonrepetition. Auf dem Klavier kann eine Tonrepetition lediglich rhythmisch differenziert gestaltet werden, bei den Holzbläsern des Orchesters ergeben sich durch Griffwechsel leichte Abweichungen in der Tonhöhe und in der Klangfarbe, die die Repetition noch weiter beleben.

Glissandi und das Anschwellen eines Einzeltones sind weitere Beispiele für klangliche Erscheinungen, die im Klavier bestenfalls angedeutet werden können, die Ausführung derselben bleibt aber den Orchesterinstrumenten vorbehalten.

Die Darstellung und das Spiel mit diesen Verfeinerungen der originalen Vorlage führt naturgemäß zu einer zeitlichen Ausdehnung, auf diese Weise entwickelte sich das Klavierkonzert aus dem Solostück.

Die Reihe der Maze - Stücke umfasst Maze (2003) für Violine und Klavier, Maze 2 (Der Faden der Ariadne) für Streichtrio (2004) und Maze 3 (al fresco) für großes Ensemble in 3 Gruppen (2005). Die Grundidee ist die eines musikalischen Irrgartens.

Maze ist als eine Folge von Abschnitten komponiert, die teils die Bezeichnung a tempo, teils die Bezeichnung liberamente tragen. Der Labyrinth-Vorstellung entsprechend, sind die a tempo - Abschnitte gleichsam als Hauptweg, der ins Freie führt, gedacht. Das Tempo in diesen Abschnitten sollte möglichst strikt gehalten werden, der Ausdruck in diesen Abschnitten ist deciso zu gestalten. Die liberamente - Abschnitte stellen die Seitenwege und Irrgänge dar, das Tempo und die Koordination sind hier flexibler zu gestalten, der Charakter sollte ein eher suchender oder tastender sein.

Ein aufmerksamer Zuhörer hat nach der Uraufführung bemerkt, dass sich für ihn im Laufe des Stückes die Grenzen zwischen Hauptweg und Irrwegen zusehends verwischt haben und er gleichsam nicht mehr „wusste, wo er sich befindet“.

Diese Bemerkung hat mich dazu veranlasst, einen zweiten musikalischen Irrgarten zu gestalten, dieses mal aber den Hauptweg durch eine Art „Ariadne-Faden“ zu verdeutlichen. Musikalisch gestaltet ist dieser Faden als langgehaltener Ton, der variiert (neu eingefärbt, dynamisch differenziert, als Stimmbündel, „brüchig“,....) wiederkehrt. Auf diese Weise habe ich in Maze 2 den Hauptweg klarer gekennzeichnet. Maze und Maze 2 verbindet nur die grundlegende Vorstellung, sie haben kein musikalisches Material gemeinsam.

Maze 3 dagegen ist wieder eine Erweiterung von Maze 2, die Größe des Ensembles erweitert die Klangpalette um die Farben der Blasinstrumente, der Schlaginstrumente und des Klaviers; und die Dreiteilung des Ensembles erweitert das Vorgängerstück um die räumliche Dimension (die natürlich bei einem Irrgarten eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt). Der Auftrag des Konservatoriums Wien, für großes Ensemble zu komponieren und die räumliche Realisierung (eine Ensemblegruppe wurde „live“ dirigiert, die beiden anderen über Monitore mit dem Dirigenten verbunden) ermöglichten diese Maze - Version.

Schließlich habe ich den den vergangenen drei Jahren auch zwei Werke mit dem Titel Light Thickens, eines für Bratsche solo, eines für Ensemble (siehe auch dazu die Rubrik Über die Musik/CDs, komponiert.

Das Solostück bezieht sich auf ein Macbeth - Zitat und ist der Versuch einer Verklanglichung der bei Shakespeare beschriebenen hereinbrechenden Nacht. Das Werk für Ensemble (Saxofon, Klarinette, Streichtrio) verwendet dasselbe Tonmaterial, ist aber - überraschenderweise? - im Charakter gänzlich verschieden vom Solostück. Prinzipiell gilt für das Verhältnis der beiden Stücke zueinander das, was ich weiter oben als Erweiterung des Soloklavierstückes zum Klavierkonzert ausgeführt habe. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Stücken besteht aber auch darin, dass das Solostück metrisch frei („ohne Taktstriche“), das Ensemblestück (zur genaueren Koordination) metrisch gebunden notiert ist. Dies mag zum deutlichen Charakterunterschied wesentlich beitragen.

Mit den hier beschriebenen Werken ist meine Arbeit mit der Frage, wie aus einem einzigen gedanklichen Konzept mehrere vielgestaltige musikalische Formen entstehen können, noch nicht abgeschlossen. Und: Es wird auch in Zukunft wieder zeitliche Engpässe geben, wo die Abfassung einer nicht zu aufwändigen Version eines schon vorhanden Stückes (natürlich mit der größtmöglichen musikalischen Sensibilität!) sehr gelegen kommt...